Das Glück der Einsamkeit

Julia Kotowski (Eftb), Foto: C. PattbergEigentlich ist sie sich genug, zumindest was das Musizieren angeht. Fernab von brodelnden Klangmassen aus E-Gitarren und stampfendem Schlagzeug erfindet Julia Kotowski als Singer/Songwriterin einen kleinen, intimen und vor allem leisen Kosmos um sich herum, füllt ihn nach und nach mit Noten, Text und Rhythmus und lässt die Ergebnisse erst mal in ihren 4 Wänden reifen.

Dann werden nächtelang Tonspuren aneinander gereiht, Haushaltsgeräte als perkussive Elemente zweckentfremdet, es wird gebastelt, gewerkelt und wenig geschlafen. Das alles zu Hause, im Schlafzimmer, am eigenen Computer. Das Wie und Warum soll sie uns erklären, und das tut sie gerne, und ganz nebenbei erfahren wir von ihrer Liebe zu Irland, ihren Berufswünschen als Illustratorin und warum es in Köln nicht schneit.

Julia Kotowski könnte man als Kölnerin mit polnischem Hintergrund bezeichnen. Doch wie in jeder Familiengeschichte ist die Sache wesentlich komplizierter als das. Festzuhalten ist zumindest, dass sie in Köln geboren und aufgewachsen ist, und trotz der bei jungen Leuten ausgeprägten Vorliebe aus ihrer Heimat zu flüchten noch daheim im elterlichen Haus wohnt. Auf die Frage warum sie noch da ist hat Julia eine einfache, aber überaus plausible Antwort; zu Hause hat sie mehr Ruhe zum arbeiten und singen als Wand an Wand mit geräuschempfindlichen Nachbarn, Köln liebt sie eh, der Wald liegt direkt vor der Haustür und, unter uns, das Essen ist auch besser. Mit anderen Worten: Wieso eigentlich nicht?

Dass sie aber irgendwann weg will, dessen ist sich Julia ebenso sicher. Die Stadt berge für sie vieles an Erinnerungen, Kindheitsgeschichten und auch Ballast, von dem es Abstand zu gewinnen gelte, zumindest für einen bestimmten Zeitraum. Vorerst ist Köln jedoch Ausgangspunkt und Spielplatz für Julias Leben – sie studiert an der KHM audiovisuelle Medien, und beschäftigt sich nicht nur im Studium, sondern auch privat mit Illustrationen und allerlei manuell-gestalteten Dingen. Während sie in der Hochschule an einem Trickfilm zeichnet, bastelt und bedruckt sie zu Hause mit Feuereifer und selbstverständlich von Hand Dutzende von CD-Covern ihrer ersten Sammlung von Songs „Hypersomnia“, aufgenommen in 2007 und das, hinsichtlich der Klangqualität, erstaunlicherweise zu Hause, mithilfe eines einfachen USB-Mikrophons und zunächst mit der freien Musiksoftware audacity. Die aus einer finanziell ungünstigen Lage geborene Idee hat längst konzeptuelle Züge angenommen.. Julia macht gerne alles „manuell, mit meinen Händen“, und muss zugeben, dass sie bei den Drucken für die neue CD, die sie am Computer gestaltet hat, fast etwas wehmütig an die Linoldrucke für „Hypersomnia“ denken musste.

Jetzt ist es soweit, und eine zweite Zusammenstellung von Liedern, Gedanken und geballter Kreativität im engstem Rahmen findet seinen Weg auf den Tonträger. Diesmal nennt Julia das kleine Werk „Hydrophobia“ und veröffentlicht auch diesmal wieder unter dem Pseudonym „Entertainment for the Braindead“, ein Name, der eher unfreiwillig zu einer Bezeichnung ihrer Tätigkeit als Musikerin wurde und, wie sie betont, auch noch nicht ein endgültiger Name sein soll. Was verbirgt sich also hinter dem etwas selbstironisch anmutendem Namen, welche Musik macht Julia und wie kam sie dazu? Wie alle ihre Antworten ist auch diese sehr überlegt und ernsthaft. Ihre Musik, so Julia, sei eigentlich nicht unbedingt für Außen stehende gedacht, in erster Linie seien es sehr introvertierte, persönliche Songs, sie selber nennt es schlicht und einfach „egozentrisch“. So seien ihre Texte nicht ohne weiteres für jedermann zu verstehen, da sie kleine, detaillierte Momentaufnahmen ihres Denkens oder Erlebens wiedergeben. „Die Texte und Melodien klingen nach mir, bei Versuchen andere Sounds aufzugreifen hat das nie funktioniert – ich lande immer wieder bei mir selbst.“

Um sich musikalisch auszudrücken hat Julia sich neben ihrer eigenen Stimme und der akustischen Gitarre respektive Ukulele eine ganze Palette an ungewöhnlichem Instrumentarium zurecht gesucht. Auch hier machte Not erfinderisch: aus Mangel an Geld für Perkussions-Instrumente kramte Julia einfach auf eigene Faust nach Schlag- und Klimperwerkzeugen und lässt dem sonst oft auf puren Rhythmus eingeschränkten Schlagwerk eine ungewohnte Klangvielfalt zukommen.

Auf der Suche nach geeigneten Klangkörpern ist Julia dieses mal in der Küche fündig geworden, auf dem Album gibt es also Pfeffermühlen, Schubladen und Einmachgläser zu hören, alle hübsch nacheinander eingespielt und auf dem Bildschirm des Heimcomputers zusammengefügt. Der Aufwand dieser Ein-Mann-Band ist kaum vorstellbar, wieso ist Julia eigentlich alleine am Werk und lässt nicht ein paar andere die Pfeffermühle drehen? Auch hier ist die Antwort erstaunlich einfach nachzuvollziehen, sie fände es komisch, wenn sich andere Menschen an ihrer so persönlichen Musik aktiv beteiligen würden, sie sei so „alleine ganz zufrieden“, sagt sie, mit einem Lächeln im Mundwinkel. Für andere Projekte hat sich Julia allerdings schon ein paar Freunde aus Düsseldorf zusammengetrommelt und möchte dann auch mal in anderen Musikrichtungen experimentieren, aber dieses hier, das ist ganz ihres, das macht sie lieber alleine.

Ihre Songs definieren sich neben der inhaltlich-persönlichen Komponente durch eine Minimierung von klanglicher Dichte, auf Effekte wird gänzlich verzichtet, und alle Songs kommen völlig unaffektiert und authentisch daher. Es werden Gitarrenpickings mit Glockenspiel und mehrstimmigen Gesang kombiniert, alles sehr ruhig, aber eben auch intensiv.

Bei diesem Gespür für Melodie-Führung und Klangfarben stellt sich natürlich die Frage nach dem musikalischen Hintergrund, und tatsächlich hat Julia schon seit Kindertagen Erfahrungen mit praktischem Musizieren, es gab Blockflötenunterricht, den Kinderchor, und, ab 2004, die Gitarre der älteren Schwester. Auf der wurde dann herumprobiert, geklimpert und solange geübt, bis Sinn- und klangvolles dabei herauskam. Eigentlich ist Julia mit ihrer Auswahl der zu bedienenden Instrumente sehr zufrieden, dennoch wird sie in naher Zukunft auch mal mit Samplern arbeiten, um sich bei bevorstehenden Live-Auftritten nicht allzu sehr einschränken zu müssen. Überhaupt freut sich Julia sehr darauf endlich ihre Songs live der Öffentlichkeit zu präsentieren. Musik sei etwas, das man teilen sollte – so wie man Mixtapes zusammenstellt und weiter gibt, sei dieses Vermitteln ebenso bei Live-Musik schön und wertvoll.

Genau diese Anschauung übers Musik machen und teilen brachte Julia zu den Netlabels Aaahh-records und Aerotone, auf denen sie nun ihre zweite CD „Hydrophobia“ unter einer Creative Commons Lizenz veröffentlicht, also für jedermann frei und umsonst zugänglich. Schließlich produziere man nicht Musik um Geld damit zu verdienen, sondern weil es Spaß mache, sagt Julia, und wir sind völlig ihrer Meinung.

Eftb – Hydrophobia (aaahh002/aer014) (CC BY-NC-SA)

Entertainment For The Braindead – Prologue [MP3 | OGG]
Entertainment For The Braindead – Colours [MP3 | OGG]
Entertainment For The Braindead – Resolutions [MP3 | OGG]
Entertainment For The Braindead – Run! [MP3 | OGG]
Entertainment For The Braindead – Mi Corazón [MP3 | OGG]
Entertainment For The Braindead – Fences [MP3 | OGG]
Entertainment For The Braindead – Hydrophobia [MP3 | OGG]
Entertainment For The Braindead – What you get [MP3 | OGG]
Entertainment For The Braindead – A Trace [MP3 | OGG]
Entertainment For The Braindead – Maybe [MP3 | OGG]
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HYDROPHOBIA AUF CD KAUFEN

Entertainment For The Braindead:
http://www.entertainmentforthebraindead.com
http://www.myspace.com/entertainmentforthebraindead

aaahh-records:
http://www.aaahh-records.net
http://www.myspace.com/aaahh-records

aerotone:
http://www.aerotone.net
http://www.myspace.com/aerotone

[Foto: C. Pattberg]


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Comments ( 2 )

[...] Entertainment For The Braindead – Maybe (cc) [...]

Protokoll vom 20. September 2008beiTrackback added these pithy words on Sep 20 08 at 18:13

[...] Brad Sucks – You Are Not Goin Anywhere (cc), Entertainment For The Braindead – Maybe (cc),Héctor Zarate – MI5 Girl (cc), Le Zero – Can You Hear The Distant Call (cc), Kay Groove – 7th [...]

TRB 095: Online-Aussteiger, CCC 10, Solo oder Netlabel?beiTrackback added these pithy words on Sep 20 08 at 21:34

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