Die neue Ich-AG

Fehler: Netzwerk-Zeitüberschreitung. Der Server unter www.inrainbows.com braucht zu lange, um eine Antwort zu senden.” Kein Wunder, denn seit heute gibt es das neue Radiohead-Album “In Rainbows” exklusiv als Download. Das Konzept: Jeder entscheidet selbst was die digitale Version des Albums kosten soll.
Thom Yorke und seine Jungs werden gebannt vor dem Rechner sitzen und sehnsüchtig die ersten Statistiken abwarten, die ihnen die Shopsoftware ausspuckt. Die Downloadzahlen werden gigantisch sein - die Einnahmen auch?

Wahrscheinlich nicht. Zumindest erstmal nicht. Denn niemand (außer eingefleischte Radiohead-Fans) wird die Katze im Sack kaufen wollen. Dementsprechend werden die ersten Downloads sicherlich kaum Gewinn abwerfen. Dabei wird es jedoch ganz bestimmt nicht bleiben.

Radiohead sind seit Jahren im Geschäft und haben nun alle Fesseln abgeschüttelt, sitzen selbst im Sattel und machen ihr eigenes Ding, ohne Label und ohne Plattenvertrag. Das ist für eine bekannte und etablierte Band wie Radiohead natürlich eine Voraussetzung um solch einen Weg gehen zu können und wenn das Experiment “In Rainbows” valide Ergebnisse liefert, werden sicherlich Andere folgen. Denn eigentlich ist alles ganz einfach. Ohne Fremdverwerter fällt der Gewinn direkt auf die Band zurück. Bei der großen Fanbase und dem Bekanntheitsgrad der Band finden sich sicherlich genug Käufer, die sich die Discbox inkl. Vinyl, CD und Extra-Artwork zulegen werden. Selbst bei einem durchschnittlichen Betrag von nur einem Euro pro Album-Download wird sich das für die Band rechnen, denn die Masse machts. Und wie hier schon in einem anderen Beitrag erleutert wurde, sind Einnahmen durch “klassische” Album-Verkäufe nur marginal zu betrachten.

“A major label artist will need to sell roughly 250,000 – 500,000 records before they see any money for themselves. The artist/s must recoup first. Recouping is basically paying off the debt from costs incurred. These costs includes promotion, recording, marketing […] A record “advance” is similar to borrowing money from a bank except that when you’ve paid back all the money you owe the record label you still only earn a small percentage of future record sales.” (Simon Steadman)

Die Kosten für Marketing, Promotion und Vertrieb laufen gegen null, denn wie man sieht, funktioniert die Promo bestens (2.190.000 Google-Einträge für radiohead + in + rainbows; Tendenz steigend). Durch die zu erwartend hohe Verbreitung der Musik des neuen Albums werden sicherlich auch einige Film, TV oder Werbeproduzenten aufmerksam werden, die für die Verwendung eines Songs auch einiges abwerfen.

Durch die Vorbestellung der Discboxes entfällt das Risko der Vorfinanzierung für die Produktion der Tonträger etc. und die Kosten für die Aufnahmen im Tonstudio werden sicherlich auch gering sein, denn in den Jahren ihres Schaffens werden Radiohead sicherlich einges an Equipment in Besitz gebracht haben (ein eigenes Tonstudio), sodass die Kosten für einen Produzenten und die Miete von Technik auch entfällt, bzw. sehr gering ausfallen dürfte.

Die wichtigste Einnahmequelle wurde bis jetzt noch gar nicht in Betracht gezogen. Der Liveauftritt. Radiohead-Fans gehen sowieso zu den Konzerten und Leute die Radiohead noch nicht kennen, werden die Band nun kennenlernen, denn wenn ein Album legal und kostenlos zu haben ist, dann macht das die Runde… und wer weiß, vielleicht können so auch neue Fans gewonnen werden. Eines ist eigentlich schon klar: Radiohead können nicht verlieren, sondern nur gewinnen.

Deshalb finde ich es schade dass Radiohead nicht einen Schritt weiter gegangen sind und die Download-Version ihres Albums CC-lizenziert haben. Der Effekt wäre für die Band derselbe gewesen, für uns alle hätte es aber noch viel mehr gebracht.

[Foto: Transguyjay, LIZENZ]

5 Kommentare für “Die neue Ich-AG”

  1. Auch ohne CC ist das Album ja nun weltweit verfügbar und die Weitergabe wird wohl kaum seitens der Band gestoppt werden, es sei denn, jemand versucht damit Geld zu machen. Von daher ist dies ja trotz allem gegeben.

  2. Das stimmt schon aber es wäre gut eine klare Botschaft von der Band zu bekommen. Bin gespannt ob das Album auch via Bittorent oder Ähnlichem auftauchen wird oder in Podcasts verwendet wird ohne dass es Ärger gibt.
    Letztendlich ist es einfach sehr spannend zu beobachten wie sich das Ganze entwickelt und inwiefern oder ob sich diese Entscheidung auch auf andere Bands abfärbt. Der Herr Reznor geht ja, wie du schon erwähnt hast, nun auch eigene Wege.

  3. Das Album war kurz, nachdem die ersten Mails verschickt wurden, via Bittorrent verfügbar. Ich geh auch davon aus, daß sich die Band dessen sehr bewusst ist, da dies ja hier die Möglichkeit, es legal für lau zu bekommen, nur noch um einen weiteren Distributionsweg erweitert. Und es wird viele geben, die durchaus erstmal ein Ohr riskieren wollen und dann vielleicht sogar die Box oder später die herkömmliche CD erstehen, weil sie plötzlich Gefallen daran finden. Ich hab eben sogar ein erstes Statement vom Gitarristen gelesen, das der durchschnittliche Preis, der ausgwählt wurde, bei ca. 10 US-Dollar liegen soll. Das nenn ich dann gelungen - allerdings muss man dies auch im Verhältnis zum Bekanntheitsgrad einer Band sehen und kann dies nicht 1:1 auf Band XYZ adaptieren. Bei Newcomern und Underdogs gleich dreimal nicht. Es lässt aber Hoffnung, daß meine Prophezeiung, hier vom endgültigen Ende der bekannten Musikindustrie sprechen zu können, sehr schnell sehr wahr werden wird.

    Oder wie hab ich es heute schon im Gespräch ausgedrückt - die guten und talentierten Bands werden sich zukünftig wohl eher selbst vermarkten. Für die Multis bleibt dann noch die untalentierte Popgrütze. Und das find ich gut so.

  4. Ein Hammeralbum by the way. Ich denke, wir verschwenden zu viel Zeit damit zu spekulieren, ob die Herren Radiohead nun die große Kohle damit machen oder nicht. Worum es geht, ist die Musik. Die mag mit 160 kbps nicht sonderlich polished zur Verfügung stehen, jedoch die Inhalte sind ganz vorzüglich. Noch nie hat mich ein Radioheadalbum so schnell überzeugt. Und das für 5 Pfund. Wunderbar.

  5. […] überproportional hoch. Das schlechtere Abschneiden hängt auch mit der Abschaffung der Ich-AGs zusammen. Was jetzt noch fehlt ist der Mut für den ersten Schritt in die […]

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